Wenn es die Kirche von Rued nicht schon gäbe, müsste man sie für einen Heimatfilm erfinden. Der Februarmorgen ist kalt und farblos und trotzdem löst die weisse Kirche mit dem kecken Türmchen in der Talmitte ein heimeliges Gefühl aus. Man kann sie nicht verfehlen auf dem Weg durchs Tal, sie wurde strategisch zwischen Schmied- und Schlossrued platziert, die eigene Postleitzahl für Kirchrued gibt es aber schon länger nicht mehr.

Im Boden des Chors befindet sich eine Falltür und die Ruedertalerinnen und Ruedertaler wissen, was darunter liegt: ein Skelett. Mehrere Grabplatten in und um die Kirche erinnern an die verblichenen Schlossherren von Rued und ihre Angehörigen.

Die gewöhnlichen Leute ruhen in den Gräbern um die Kirche. Deren Lage und Anordnung haben in den letzten Jahren einige Anpassungen erlebt. Doch das Gras und die Hecken blieben stets akkurat geschnitten und die Kieswege unkrautfrei. Dafür sorgen Elsbeth Zürcher (58) und Heidi Hofmann (60). Die beiden Schlossruederinnen sind diesen Frühling seit genau 20 Jahren als Friedhofsgärtnerinnen angestellt.

Ausländer suchen ihre Ahnen

Die Gräber werden von den Angehörigen gepflegt, ein Gärtner kümmert sich um die Bäume und Hecken. Aber alles andere pflegen die gelernten Gärtnerinnen Hofmann und Zürcher. «Jäten ist vermutlich die grösste Arbeit», sagt Heidi Hofmann, als sie über den Kies knirscht. Die beiden kennen jede Pflanze und jeden Stein hier, am falschen Platz kann kein Hälmchen auf ein langes Leben hoffen.

Vor 20 Jahren haben sich Heidi Hofmann und Elsbeth Zürcher unabhängig voneinander auf das Inserat der Gemeinde gemeldet. Normalerweise kommen sie zusammen auf den Friedhof, wenn «eis ned cha», wechseln sie ab. «Wenn wir uns nicht so gut verstehen würden, würden wir das wohl nicht beide schon 20 Jahre machen», sagt Elsbeth Zürcher und Heidi Hofmann lächelt zustimmend, während ihre Augen die Rabatte absuchen.

Im Winter schläft der Garten, so richtig zu tun gibt es von März, April bis November, dann kommen die Frauen einmal pro Woche. Aber kaum sind die Gärtnerinnen in ihrem Revier, sehen sie auch im Februar einiges, das man tun könnte. Im Vorbeigehen stellen sie Kerzen und Figuren auf, die der letzte Sturm umgeblasen hat.Wenn

Heidi Hofmann und Elsbeth Zürcher auf dem Friedhof arbeiten, sind manchmal auch andere Menschen da. Die Gärtnerinnen freut es, wenn sie ein paar Worte wechseln können. Sie merken aber auch, wenn jemand hier ist, um nicht zu reden. Manchmal kommen Auswärtige, denen zeigen sie den Weg zum richtigen Grab. «Schon zweimal waren Leute aus dem Ausland hier und wollten sehen, wo ihre Vorfahren beerdigt sind», sagt Elsbeth Zürcher. Sie ist nicht sicher, ob die Englisch sprechenden Besucher die richtigen Ahnen gefunden haben. «Es gibt halt gar viele Lüschers und Hunzikers hier.»

Elsbeth Zürcher ist in Schmiedrued aufgewachsen. Sie weiss noch, wie sie als Kind vor dem geöffneten Kirchenboden stand und das Skelett bestaunte. Heidi Hofmann ist vor 35 Jahren nach Schlossrued gezogen. Der Friedhof sei für beide zu einem ganz gewöhnlichen Arbeitsort geworden, überhaupt nicht komisch, im Gegenteil. Die Frauen haben Freude an ihrer Arbeit und an den Begegnungen auf dem Friedhof. Es seien noch nie Reklamationen eingegangen und Rechenschaft müssen sie auch niemandem abgeben. «Wir könnten es nicht besser haben.»

Titelbild: Elsbeth Zürcher (li) und Heidi Hofmann vor der Rueder Kirche.

Text: Janine Gloor, Bild: Sandra Ardizzone // Publiziert in der Aargauer Zeitung, 20.02.2020.

2. März 2020

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