Wenn die Stunde spät ist und der Alkoholpegel der Kunden steigt, muss sich Victoria Nagy in der Taxizentrale so einiges anhören. Doch sie hat ein Mittel, um auch mit schwierigen Kunden umgehen zu können.

Konzentriert blickt Victoria Nagy auf die farbigen Rechtecke, die sich auf ihrem Bildschirm tummeln. Die Rechtecke auf der Karte von Baden und Umgebung stehen für Taxis, ihre Farben zeigen an, ob die Autos frei oder besetzt sind. Am Telefon hat sie einen Kunden, der mit dem Taxi von Wettingen nach Baden fahren möchte. Nun gilt es, schnell eine gute Entscheidung zu treffen. Der Kunde sollte möglichst kurz warten, der Taxifahrer dagegen keinen grossen Umweg fahren müssen. Die Rechnung geht auf, ein Taxifahrer ist gerade auf dem Weg nach Wettingen und kann den Gast als Nächstes aufladen.

Zwei- bis dreimal in der Woche sitzt die 49-jährige Victoria Nagy eine Nacht lang vor den Monitoren in der Zentrale und bestimmt die Routen der bis zu 22 Fahrzeuge der Badener Taxi AG. Die Nachtschicht beginnt um 22 Uhr.

Zur selben Zeit nehmen auch einige Taxifahrer ihre Arbeit auf, sie melden sich über Funk an. Dabei fällt auf, dass die Gespräche zwischen Nagy und den Fahrern stets in der Sie-Form gehalten werden. Das geschieht mit Absicht: «Mir ist der gegenseitige Respekt sehr wichtig», erklärt Nagy. Durch die Sie-Form wird der Kontakt nicht zu persönlich, bleibt aber trotzdem freundlich. «Taxichauffeure haben es auch nicht immer einfach», führt sie aus. Manchmal haben sie unangenehme Fahrgäste oder schlechte Laune. Mit der Sie-Form kommen die Fahrer weniger in Versuchung, ihre Frustration an der Zentrale auszulassen.

In ihren knapp zehn Jahren beim Taxiunternehmen musste sich Victoria Nagy ein dickes Fell wachsen lassen. Wenn der Abend spät und der Alkoholpegel höher wird, vergessen viele Kunden, was sich gehört. Einige Kunden scheuen sogar vor einer subtilen Drohung nicht zurück, wenn ihnen die Wartezeit für ein Taxi zu lang scheint. «Ich kenne im Fall den Roli Wunderli», heisst es dann. «Ich auch», antwortet Nagy jeweils.

Roli Wunderli ist der Geschäftsführer des Unternehmens. Es stört sie nicht, wenn angesäuselte Kunden sie mit Du ansprechen, solange der Ton stimmt. So auch beim nächsten Telefon. Ein der Stimme nach junger Mann möchte für sich und seine Kollegen ein Taxi bestellen. Das Grosstaxi braucht etwa zehn Minuten bis zur besagten Bushaltestelle. Nagy fragt, ob das in Ordnung sei. «Isch safe!», lautet die Antwort des Kunden. Zum Abschied fügt er ein euphorisches «Schöne!» an. Nagy muss lachen.

Alle wollen die langen Fahrten

Victoria Nagy spricht mit weicher Stimme. Sie kann gut zuhören, geht auf ihr Gegenüber ein. Sie ist ein Mensch, dem man ohne Bedenken sein Vertrauen schenkt. Auf ihre guten Menschenkenntnisse ist sie stolz, sie helfen ihr beim Arbeiten. Trotz einigen negativen Erfahrungen mag Nagy ihren Job. «Es ist sehr abwechslungsreich, mir ist nie langweilig», sagt sie. Zum gelangweilt sein ergibt sich kaum eine Gelegenheit. Sie muss ständig über alle Fahrten im Bild sein. Sie kennt die Strassen in der Region und kann die Stimmen der Fahrer auseinanderhalten. Diese melden, wenn sie eine neue Fahrt antreten oder in die Pause gehen. Wie sie aus diesen undeutlichen Funksprüchen die nötigen Informationen heraushört, ist ein Rätsel. Wenn gleichzeitig noch das Telefon läutet, muss sie einen kühlen Kopf bewahren. Auch im Umgang mit den Fahrern ist Fingerspitzengefühl gefragt.

Die langen Fahrten sind am beliebtesten, über Funk können alle mithören, wer die beliebtesten Aufträge abkriegt. Nagy schaut gewissenhaft, dass die Verteilung gerecht ist, doch nicht immer empfinden die Fahrer das auch so. Victoria Nagy freut sich, wenn Stammgäste sie an der Stimme erkennen. Obwohl sie jede Nacht mit vielen Menschen spricht, ist ihre Arbeit eine einsame. Am Anfang hat sie sich nachts in der Zentrale manchmal allein gefühlt, da hat ihr eine brennende Kerze geholfen, die negativen Gefühle auf Distanz zu halten. Immer in der Nacht arbeiten könnte sie nicht, auch ihrer Beziehung wegen. Wenn Sie morgens um sechs Uhr nach Hause fährt, braucht sie ein bisschen Zeit, um nach einer turbulenten Nacht runterzukommen. Am liebsten sitzt sie dabei auf ihrer Terrasse und schaut zu, wie die Welt erwacht.

 

Text: Janine Gloor / Bild: Chris Iseli
Publiziert im Badener Tagblatt, 28.11.2015.

2. November 2016

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