Erika Binggeli sorgt dafür, dass die Zeitung pünktlich zum Zmorge im Briefkasten liegt. Bei jedem Wetter.

Mit einer flüssigen Handbewegung lässt Erika Binggeli die Zeitung im Briefkastenschlitz verschwinden. Über dreissig Personen wohnen hier, ihre Namen muss sie schon lange nicht mehr lesen. «Zeitungenvertragen ist für mich wie Memoryspielen», erklärt die Badenerin. Sie weiss genau, wo sich welcher Briefkasten befindet und welche Zeitung dieser Bewohner abonniert hat. Neben der Aargauer Zeitung verträgt Binggeli drei weitere Tageszeitungen, unter der Woche kommen noch Magazine dazu. Manche Briefkästen lässt sie ganz aus, bei anderen legt sie die Zeitung ins Milchfach. «Auch das muss man sich merken können.»

Die 54-Jährige verträgt seit rund 15 Jahren Zeitungen in Baden. Anfangs waren es nur Ferienvertretungen. Heute ist sie von Montag bis Samstag jeden Morgen kurz nach drei Uhr vor dem AZ-Hochhaus in Baden, um ihre Zeitungsbündel abzuholen. Sie hatte schon immer Mühe mit dem Schlafen, manchmal bekommt sie in der Nacht kaum ein Auge zu. «Da kam mir dieser Job gerade recht», meint sie. Sie könne sich von ihrer Schlaflosigkeit ja nicht verrückt machen lassen.

Auch während ihrer Arbeit als Verträgerin ist Erika Binggeli eine äusserst praktisch veranlagte Frau. Die Listen ihrer zwei Touren geben vor, wer welche Zeitung erhält. Diese kann sie natürlich auswendig. «Bis halb sieben müssen die Zeitungen verteilt sein. Aber wie ich das mache, ist mir überlassen.» Sie hat ihre Touren perfektioniert. Wo es möglich ist, fährt sie mit ihrem bunten Kleinwagen möglichst nahe an die Häuser heran. Hier, mitten in der Stadt, hat es viele Mehrfamilienhäuser, wo sie die Zeitungen gleich stapelweise reintragen muss.

Für die Tour durch die Badstrasse hat sie an einem strategisch guten Punkt ein Velo deponiert. Dieses lässt sich nach dem Bepacken der beiden Körbe nicht mehr fahren, Binggeli schiebt es durch die menschenleere Badstrasse. Bei jedem Halt muss sie das Velo an eine Wand lehnen. Auch der Ständer ist mit diesem Gewicht überfordert. Einem Geschäft schiebt sie die Zeitung unter einer Glastür in den Gang, bei einem Restaurant ist der vereinbarte Auslieferungsort zwischen Abfalleimer und Hauswand. Durch kleine Seitengassen gelangt sie zu den Briefkästen der Wohnungen. Vor einem Haus ist es stockdunkel. Da ist ihr gutes Gedächtnis Gold wert. Zielsicher verteilt sie die Zeitungen.

Es beginnt zu regnen. Erika Binggeli zieht einen gelben Mantel an. Die Kälte stört sie nicht. «Ich bin ständig in Bewegung, da muss ich eher aufpassen, dass mir nicht zu warm wird», sagt sie und deckt die Zeitungen sorgfältig mit Plastik zu. Es ist bald halb sechs Uhr, nur wenige Menschen sind unterwegs. «Man darf für diesen Job nicht ängstlich sein.» Die Einsamkeit störe sie nicht, im Gegenteil. «Einmal im Winter, ich glaube, es war eine Vollmondnacht, stand ich vor einem Baum, als der Wind die letzten Blätter herunterwehte. Ich stand etwa fünf Minuten einfach da, während es um mich herum goldene Blätter regnete. Da habe ich mich gefühlt wie im Märchen Sterntaler», erinnert sie sich. Wenn alle Zeitungen verteilt sind, macht sich Erika Binggeli auf zu ihrem nächsten Job. In Spreitenbach arbeitet sie als Kioskverkäuferin. Am Nachmittag betreut sie jeweils ihren Enkel. Sonntage sind frei. «Dann ist die Familie dran», sagt sie und lacht. Aber wer weiss, vielleicht werde sie auch mal noch den Sonntagsdienst übernehmen. «Nicht, dass mir noch langweilig wird.»

Werden die Zeitungen pünktlich und in der richtigen Zahl geliefert, hat Binggeli keine Mühe, sie rechtzeitig zu vertragen. Doch sie hat auch schon eine Stunde auf Nachschub gewartet. Oder den Rest erst nach ihrer Arbeit im Kiosk verteilt. «Da kann ich auch nichts machen», sagt sie und zuckt mit den Schultern. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil es eben so ist. Falls die Zeit einmal knapp werden sollte, kann sie ihre Routen anpassen. Sie weiss nämlich, welche Abonnenten erst später zur Arbeit gehen. Und welche am Samstag früh aufstehen.

Mit Begleitung, sei dies eine Ferienvertretung, die eingeführt werden muss, oder wie an diesem Samstag Besuch aus der Redaktion, wird es schwieriger, die Fristen einzuhalten. Deshalb lässt sie in ihrer freundlichen, aber pragmatischen Art vorsichtig durchscheinen, dass sie die Tour auch alleine beenden könnte.

Text: Janine Gloor / Bild: Sandra Ardizzone
Publiziert in Schweiz am Sonntag, 22.11.2015.

19. November 2016

Schreibe einen Kommentar