Nur auf dem Zeltplatz

Jeden Morgen um acht Uhr röhrt die vollautomatische Kaffeemaschine im Wohnwagen. Dem Nummernschild und dem Dialekt nach stammt die Familie aus dem Kanton Thurgau. Nach dem Znacht wird im Vorzelt unter dem Licht kalter Neonschlangen gejasst und gekühltes, aus der Schweiz mitgebrachtes Bier getrunken. Am Morgen, noch nachdem sie den Boden gewischt hat, legt die Mutter die ausgetrunkenen Dosen vor den Wohnwagen, damit sie vom Recyclingdienst abgeholt werden.

Jenseits des Holzzauns kauern farbige Zelte unter den Pinien. Strom und fliessendes Wasser gibt es keines, die italienische Espressokanne gurgelt auf einem Gasherd, der schon in den 80er-Jahren auf den Campingplätzen ums Mittelmeer Wasser für Teigwaren erhitzt hat. Die Temperatur des Biers ist je nach Tageszeit lau- bis unangenehm warm. Doch eine Flasche Moretti schmeckt nirgends so sorglos wie hier.

Die neu eingetroffene Familie vis-à-vis stellt begleitet von einer slawisch klingenden Sprache mit vielen Zischlauten ihr Zelt auf. Einen Tisch oder Stühle scheinen sie nicht zu haben. Vater, Mutter und zwei Mädchen spielen Karten, lesen oder schlafen auf einer Decke unter den Bäumen. Abends wünscht man sich auf dem Rückweg vom Zähneputzen gute Nacht und bläst die letzten Kerzen aus.

Punkt acht röhrt es wieder. Den frisch aus dem Schlafsack geschälten Zeltlern bietet sich ein neues Bild: Die thurgauische Mutter reicht den slawischen Eltern zwei Tassen Kaffee und ein Lächeln über den Zaun. Diese lächeln zurück und setzen sich auf ihre Decke.

Nur auf dem Zeltplatz.

Text und Bild: Janine Gloor.

23. Juli 2017

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