Die meisten Lenzburger würden gerne in einer lebendigen und modernen Stadt wohnen. Viele allerdings nur, wenn das ganz ohne Emissionen geht. Nach dem Lärmpegel in der Rathausgasse am Jugendfestabend drehen sich die Diskussionen nun um ein anderes heisses Thema: den Wurstgrill der Metzgerei Häusermann.

Der alteingesessene Metzger Walter Häusermann grilliert jeden Freitagabend von 16.30 bis 19 Uhr und Samstag von 11 bis 16 Uhr vor seinem Geschäft. Angeblich stört der Geruch der brutzelnden Würste und Fleischstücke auf dem Gasgrill die Anwohner. Zu ihnen gehört auch Ruth Ramstein. Die Besitzerin der Liegenschaft «Durchbruch» ist durch den Fall Köbi F. national bekannt geworden. Erfahrungsgemäss werden Geschichten, in welchen die Prix-Courage-Gewinnerin angeblich eine Rolle spielt, in Lenzburg besonders intensiv diskutiert.

Von den Anwohnern sagt man, dass sie gegen den Wurstgrill Unterschriften sammeln. Dies wird allerdings dementiert – zumindest, was die Familie Ramstein anbetrifft. Wie stark der Protest auch immer ist, er hat schon eine Gegenbewegung ausgelöst. Bereits haben 47 Bürger eine Petition für die Erhaltung des Grills unterschrieben.

Kampf gegen ein Verbot

Der 68-jährige Walter Häusermann ist seit 50 Jahren Metzger. Als junger Mann hat er bei der damaligen Metzgerei Dietschi neben dem Restaurant Oberstadt angefangen. Das Geschäft zog an die Kirchgasse, wechselte den Namen zu Fischer und vor 28 Jahren schliesslich zu Häusermann.

Seit drei Jahren führt Sohn André das Geschäft. Der pensionierte Walter Häusermann ist noch jeden Tag im Laden. Als er hörte, dass Unterschriften gegen seinen Grill gesammelt würden, fackelte er nicht lange. Noch am selben Tag starteten Häusermann senior und junior ihre eigene Petition. Mit beachtlichem Erfolg. «Innerhalb von fünf Viertelstunden hatten wir 47 Unterschriften beisammen.»

«Das wollen wir uns nicht verbieten lassen.»

Walter Häusermann, pensionierter Metzgermeister

Die Häusermanns freuen sich über die Sympathiebekundungen. Nächstes Wochenende soll die Aktion fortgesetzt werden. «Mit unserem Grill tragen wir zu einer lebendigen Altstadt bei», sagt Häusermann senior. «Das wollen wir uns nicht verbieten lassen.» Schon 40 Jahre draussen gegrillt Die Tradition des Grills auf der Gasse ist fast so alt wie Walter Häusermanns Metzgerkarriere. «Vor vierzig Jahren habe ich im Durchbruch Würste gebraten», erinnert er sich. Dort habe es zwar gezogen «wie ein Henker», aber die Würste gingen weg wie warme Weggli.

Später verschob er den Grill vor den Laden, wo er nach Gewohnheitsrecht seither steht. Häusermann konnte anfangs vom Durchgangsverkehr profitieren. «Die Lastwagenfahrer riefen mir zu, was sie wollten, und fuhren einmal um die Kirche.» Bei der nächsten Runde wurde Wurst gegen Geld getauscht. « Heute ist der Grill zum Treffpunkt für Fussgänger geworden», sagt der Metzger. Auf Bänken können es sich die Besucher am Freitag nach dem Feierabend oder am Samstag bei einer Einkaufspause gemütlich machen.

«Bei uns gibt es eine Bratwurst oder einen Hamburger mit Brot, Zwiebeln, Gürkli und Senf für fünf Franken», sagt Häusermann. Das gebe es sonst nirgends. Auch Riesencervelats, Steaks und Pouletspiesse werden angeboten. «Die Kunden können sich das Fleisch gleich im Laden aussuchen.» Dazu ein Getränk im Halbliterfläschli für drei Franken. An einem Samstag verkaufen die Häusermanns so bis zu 150 Fleischstücke.

Wie es mit Häusermanns Unterschriftensammlung weitergeht, ist noch unklar: Falls eine Petition gegen seinen Grill eingereicht wird, wird der Metzger unverzüglich seine Gegenpetition im Rathaus abgeben.

Text: Janine Gloor / Bild: Alex Spichale
Publiziert in der Aargauer Zeitung, 6.4.2017.

6. April 2017

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